Warum ist ein Lied ein guter Song? Durch den Text oder die Musik?

(Erstveröffentlichung am 24. Juli 2010)

Es ist eine schon immer dagewesene Diskussion. Meistens von sogenannten Intellektuellen geführt. Was macht einen guten Song aus? Ist es der Text? Die lyrische Kreativität und Gewandtheit des Autors oder ist es doch die Melodie, die einem ins Ohr geht und nicht mehr entschwinden will.

Oft spricht man über die Aussage des Songs. Um was geht es in dem Lied? Was war der Ansporn des Songwriters? Problematisch ist bei der Diskussion, dass ein Songtext nur aus Fragmenten einer Aussage, eines Gedanken besteht. Es muss sich in den meisten Fällen reimen, darf nicht zu umfangreich sein, denn es muss ja in eine hörtaugliche Songlänge passen. Lieder wie Kashmir von Led Zeppelin mit 8:38 Min. Länge werden nur selten bei besonderen Events im Radio gespielt.

Dadurch werden Songs oft falsch interpretiert. Ein schönes Beispiel ist „Born in the USA“ von Bruce Springsteen. Er schrieb mit diesem Welthit ein US-kritisches Lied. Ronald Reagan, seinerzeit US-Präsident, hat es quasi zu einer proamerikanischen Hymne erkoren. Er hatte den Text nicht verstanden… offensichtlich seine Berater auch nicht.

Dann gibt es natürlich die unterschiedlichen Betrachtungsweisen, der Songwriter. Ist man „nur“ Sänger und Texter, dann sind einem die eigenen Aussagen natürlich äußerst wichtig. Ist man dagegen Instrumentalist, dann legt man natürlich beim Schreiben der Songs mehr Wert auf die Musik. Dasselbe gilt für die Mischformen. Viele Sänger können sehr wohl ein Instrument spielen. Oft beherrschen sie es nicht wie die Bandmitglieder, aber immerhin können sie so auch schon etwas an Melodien arbeiten. Die spielenden Kollegen können irgendwie einen Text zusammenschustern. Dieser wird vermutlich nie in einem Regal mit Goethe stehen, aber für einen Song, der textlich nur aus Fragmenten der Gedanken besteht sollte es reichen.

Ich bin ein singender Gitarrist und kein Gitarre spielender Sänger. Für mich steht die Musik im Vordergrund. Warum? Das hat mehrere Gründe. Ich mag meine eigenen Texte nicht besonders, weil ich das Gefühl habe sie klingen nach Schulenglisch. Die Arbeit mit Metaphern fällt mir etwas schwer, andererseits habe ich viele Texte gelesen, die ich entweder inhaltlich nicht verstanden habe, weil die Bildsprache für mich nicht nachvollziehbar war oder die ebenso armselig sind wie die meinigen. Also Standard-Englisch ohne Besonderheiten. Warum keine deutschen Texte? Ist ja immerhin meine Muttersprache. Zum einen klingt die deutsche Sprache meiner Meinung nach zu hart und ist oft unpassend bei Songs, zum anderen lenkt sie von der Melodie, der Musik aufgrund der Verständlichkeit des Textes zu sehr ab. Es sei denn man singt wie Herbert Grönemeyer…

Warum ich die Musik als wichtigeren Teil eines Liedes erachte? Wie nehmen wir Musik wahr? Was hören wir zuerst? Meistens eher beiläufig. Man hört eine Melodie im Radio, in der Disko oder bei anderen Gelegenheiten. Geht die Melodie ins Ohr? Beachtet man das Lied intensiver, wenn man es erneut hört? Dann wird es interessant.

Musik ist Emotion. Oft auf die Interpretation des Sängers zurück geführt, aber letztendlich ist die Tonfolge die Basis des Ganzen. Singt ein Jon Bon Jovi sein „Bed of Roses“ schmelzen Millionen Frauen dahin. Schön gesungen, keine Frage. Weich, zart, romantisch. Aber dahinter steht ein Konstrukt aus Tonfolgen, der richtigen Auswahl der Instrumente und Steigerungen, um den Refrain herauszuheben. Den Text versteht hier ohnehin kaum jemand. Klar, „I wanna lay you down on a bed of roses“ versteht jeder und singt es mit. Die Aussage ist ebenfalls klar, Jon Bon schmachtet seine Angebetete an, dass er ihr den Himmel auf Erden bereiten will.

Aber was ist mit anderen Songs, die nicht so offensichtlich zu Situationen wie Verliebtheit, gebrochenes Herz usw. passen? Wählt jemand einen Song nach dem Text aus? Ich glaube nicht.

Es gibt viele Songs, die hört man in verschiedenen Situationen sehr gern. Bei Liebeskummer sind Songs wie „Hallelujah“ von Leonard Cohen – obwohl ich die Interpretationen von Jeff Buckley oder Justin Timberlake weitaus besser finde, weil sie deutlich emotionaler sind – „Bridge over troubled water“ von Simon & Garfunkel, „Dream on“ von Aerosmith oder auch „Ohne Doch“ von Selig, einer der wenigen deutschsprachigen Lieder, die textlich passen und eine hervorragende Musik haben, einfach toll. Weiß jemand, der „Hotel California“ hört, wenn er verlassen wurde, um was es in dem Text geht? Kümmert es jemanden, ob Julian Lennon in „Saltwater“ über Umweltverschmutzung singt? Nein, es ist ein passender Song, wenn es einem nicht gut geht. Das o. g. „Hallelujah“ beinhaltet verschiedene Bibelpassagen, aber wenn man down ist, dann ist es genau richtig, um in Selbstmitleid zu versinken. Wichtig ist nur, dass man wieder raus kommt.

Wenn man mit Vollgas über die Straßen jagt muss im Autoradio nicht zwingend ein Lied über Sportwagen, PS und Spoiler laufen. Ein Lied, dass die Emotion zum Gasgeben unterstützt reicht. Der MP3-Player im Fitnessstudio muss ebenfalls keine Inhalte wie Muskelwachstum, Eiweißshakes und Kardiotraining enthalten. Der Song muss einen pushen. Zu Höchstleistungen treiben. Ob es „Duality“ von Slipknot ist oder „Lose myself“ von Eminem.

Was ist nun wichtiger? Die Musik oder der Text? Für mich ist es eindeutig die Musik. Weil es mir je nach Stimmung egal ist, was der Songwriter aussagen wollte. Musik unterstützt meine Emotionen, deswegen passe ich die Songs an meine Gefühlswelt an. Umgekehrt wäre es auch schwierig… die Ballermann Partyhits haben bei Liebeskummer noch nie geholfen und „Stairway to heaven“ kann ein echter Partykiller sein. Musik kann verstärken, aber nicht das Gegenteil bewirken. Aggressive Musik kann ein gebrochenes Herz in Wut verwandeln. Da verhält sich Musik ganz einfach. Es gibt nur positiv oder negativ, aber nichts dazwischen.

Text oder Musik? Für mich und die meisten anderen bleibt es die Musik, auch wenn viele Texter es anders sehen.

Bezeichnenderweise gibt es eine Textpassage, die lautet: „Music was my first love…“

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